Dû bist mîn (Unbekannte Dichterin)

Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn;
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.

 

Eine unbekannte Dichterin hat diese älteste deutschsprachige Liebeslyrik im 12. Jahrhundert verfasst. Sie wurde in Handschriften im Kloster Tegernsee entdeckt. Ob sie nun echte Gefühle einer Nonne für einen Mönch ausdrücken oder einfach nur als Übungsstück zur Aneignung von Stillehre entstanden sind, ist umstritten. Doch Peter Wapnewski schreibt dazu sehr schön: „Das Bild vom Herzensschlüssel ist so simpel wie in alter und neuerer Lyrik weit verbreitet. Wie aber diese sechs Verse es durch sich selbst, nämlich in ihrer Architektur verwirklichen, das gibt ihrer kargen Einfachheit wahrlich Glanz. Denn die vier Verse mit dem în-Reim umarmen die beiden mittleren Verse. Umschließen sie wie ein Schrein des Herzens den Geliebten anderen umschließt. Die Strophe als Bild des durch ihre Worte Gesagten. Das ist Anfang und Ende aller Lyrik.“

aus: Frauen dichten anders, 181 Gedichte mit Interpretationen Hg. Marcel Reich-Ranicki, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 2002, S. 29-31

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