„Warum schreibt Ihr Eure Gedichte denn auf Deutsch?“, fragte Kirchner schließlich. „Ich weiß, das klingt wunderlich“, sagte Fleming, der auf diese Frage gewartet hatte.

„Warum schreibt Ihr Eure Gedichte denn auf Deutsch?“, fragte Kirchner schließlich.
„Ich weiß, das klingt wunderlich“, sagte Fleming, der auf diese Frage gewartet hatte. „Aber es lässt sich machen! Unsere Sprache wird gerade erst geboren. Hier sitzen wir, drei Männer aus dem gleichen Land, und sprechen Latein. Warum? Jetzt mag das Deutsche noch ungelenk sein, ein kochendes Gebräu, ein Geschöpf im Werden, aber eines Tages ist es erwachsen.“
[…] Er hatte es oft erlebt: Wenn Fleming einmal von seinem Steckenpferd anfing, kam lange kein anderer zu Wort. Und schließlich endete es stets damit, dass Fleming mit rotem Gesicht Gedichte vortrug. Sie waren gar nicht schlecht, seine Gedichte, sie hatten Melodie und Kraft. Aber wer wollte schon ohne Vorwarnung Gedichte hören, und dann auch noch auf Deutsch?
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aus: Daniel Kehlmann, Tyll, Rowohlt, Hamburg, 2017, S. 356-357
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An Sich
Paul Fleming (1609-1640)

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht‘ es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
nimm dein Verhängnis an, laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh‘ man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh‘ du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

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Ein getreues Herz
Paul Fleming (1609-1640)

Ein getreues Herze wissen
hat des höchsten Schatzes Preis.
Der ist selig zu begrüßen,
der ein treues Herze weiß.
Mir ist wohl bei höchstem Schmerze;
denn ich weiß ein treues Herze.

Läuft das Glücke gleich zuzeiten
anders, als man will und meint,
ein getreues Herz hilft streiten
wider alles, was ist feind.
Mir ist wohl bei höchstem Schmerze;
denn ich weiß ein treues Herze.

Gunst, die kehrt sich nach dem Glücke,
Geld und Reichtum, das zerstäubt,
Schönheit läßt uns bald zurücke;
ein getreues Herze bleibt.
Mir ist wohl bei höchstem Schmerze;
denn ich weiß ein treues Herze.

Nichts ist Süßers als zwei Treue,
wenn sie eines worden sein.
Dies ist’s, des ich mich erfreue,
und sie gibt ihr Ja auch drein.
Mir ist wohl bei höchstem Schmerze;
denn ich weiß ein treues Herze.

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aus: Der ewige Brunnen, Hg. Ludwig Reiners, 1955 und 2005, Verlag C.H. Beck

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