Der Lenz verschiebt seine Premiere von Erich Kästner

Theater unten und Theater oben:
Erst kam die Sonne täglich zu den Proben,
und die Premiere war schon festgesetzt.
Da wurde sie (man kennt das ja) zuletzt
auf gänzlich unbestimmte Zeit verschoben.

Die kleinen Sträucher stehn gekränkt im Garten.
Komparserie muss eben immer warten.
Die Sonne, heißt es, sei indisponiert.
Das Stück vom Lenz wird später aufgeführt.
Was machen wir nun mit den Eintrittskarten?

Am Himmel hingen schon die ersten Geigen.
Die Veilchen übten sich schon im Verneigen.
Doch weil die Sonne noch nicht scheinen will,
spielt man derweil das alte Stück „April“ –
so einen Schmarren wagt man uns zu zeigen!

Die Damen ließen sich bereits die netten
getupften Premierenkleider plätten.
Die dicken Herren riefen „Gott sei Dank!“
und feuerten die Westen in den Schrank.
Und liegen jetzt mit Schnupfen in den Betten.

Wir führen unser Herz zu früh spazieren.
Nun regnet es. Und die Gefühle frieren.
Denn sie sind ohne Schirm. Und sind verwaist.
Fast wie ein Kind, das ganz vergaß, wie’s heißt.
Man kann Geduld wie einen Knopf verlieren…

Mich lässt das kalt. Und wenn es morgen schneit,
der Frühling kommt schon noch. Ich habe Zeit.
Dass man den Lenz verschiebt, ist nicht so wichtig.
Hauptsache ist, die Aufführung wird richtig!
Denn – „die Billets behalten Gültigkeit“.

 

aus: März, Reclam, Stuttgart 2013, Seite 35-38

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