Nekrolog auf ein Jahr von Mascha Kaléko (1907-1975)

Nun starb das Jahr. Auch dieses ging daneben.
Längst trat es seinen Lebensabend an.
Es lohnt sich kaum, der Trauer hinzugeben,
Weil man sich ja ein neues leisten kann.

Man sah so manches Jahr vorüberfliegen,
Und der Kalender wurde langsam alt.
Das Glück gleicht eleganten Luxuszügen
Und wir der Kleinbahn ohne Aufenthalt…

Im Wintersportgebiet hat’s Schnee gegeben.
Wer Hunger hat, schwärmt selten für Natur.
Silvester kam. Und manches Innenleben
Bedarf jetzt fristgemäß der Inventur-.

Wir gossen Blei und trieben Neujahrspossen.
(Minister formen meist den Vogel Strauß…)
Was wir im letzten Jahr in Blei gegossen,
Das sah verdammt nach Pleitegeier aus.

Das Geld regiert. Wer hat es nicht erfahren,
Die Menschenliebe wenig Zinsen trägt.
– Ein braver Mann kann höchstens Worte sparen.
… Wenn er die Silben hübsch beiseitelegt.

Die Freundschaft welkt im Rechnen mit Prozenten.
Bald siehst du ein, daß keiner helfen kann.
Du stehst allein. Und die dir helfen könnten,
Die sagen höchstens: „… rufen Sie mal an!“

Nun starb ein Jahr. – Man lästre nicht am Grabe!
Doch: Wenn das Leben einer Schule gleicht,
Dann war dies Jahr ein schwachbegabter Knabe
Und hat das Ziel der Klasse nicht erreicht …

aus: Das lyrische Stenogrammheft, Mascha Kaléko, 1975, 2012, dtv, München, S. 56

 

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