Für Rudi Dutschke von Erich Fried

„Jeder ist ersetzbar.
Der Kampf geht weiter.“
Das stimmt.
Aber das stimmt auch nicht:
Nicht jeder ist ersetzbar
und der Kampf hat immer nur das Gesicht und das Herz
des Menschen der kämpft
Und ich habe den Kampf gemocht
der dein Gesicht hatte
und dein Herz –
und jetzt wird kein anderer mehr
dein Gesicht haben
und man wird dein Gesicht in Zukunft
nur noch auf Bildern sehen wie das Gesicht Che Guevaras
und Rosa Luxemburgs
und das ist nicht dasselbe
Und dein Herz wird man nirgends mehr sehen

Nicht in jedem einzelnen Punkt
war ich deiner Meinung
und du hast nie bestanden darauf dass jemand
deiner Meinung sein muss
und schon gar nicht in jedem einzelnen Punkt
Deine Meinung konnte man Punkt für Punkt
mit dir diskutieren
Jetzt aber kann ich nichts mehr mit dir diskutieren
und so sehr es ankam auf die einzelnen Punkte
so wenig kommt es jetzt auf die einzelnen Punkte an

Was ich von dir gelernt habe
bleibt jetzt vielleicht zu wenig
Aber ich hätte vielleicht von dir schon genug gelernt
wenn ich nichts von dir gelernt hätte außer das eine:

Dass Freiheit Güte und Liebe sein muss
und dass Güte und Liebe
Freiheit sein müssen – und wirkliche Güte und Liebe
nicht nur ein Begriff von Güte und Liebe
denn sonst bleibt auch die Freiheit nur ein Begriff –
und dass der Kampf um Freiheit und Güte und Liebe
nicht ohne Freiheit und Güte und Liebe geführt werden kann

Und deine Güte und Liebe und Freiheit
und deine Einsicht
sind so gewesen dass du vielen ein Freund bleiben konntest
die einander nicht Freunde geblieben waren –
vielen die jetzt um dich trauern aber die glauben
dass sie miteinander gar nicht mehr sprechen können
oder einander nur noch anklagen können
nur noch beschimpfen beschuldigen und bekämpfen
Und dieser Irrtum kann sich jetzt leichter in ihnen verhärten
weil deine gute heisere Stimme nicht mehr
zu ihnen spricht und nicht heftig oder behutsam
oder behutsam und heftig wie früher Einwände macht

Und dass dieser Irrtum sich leichter verhärten kann ohne dich
ist schon ein erster kleiner Teil des Beweises
dass du nicht so leicht ersetzbar bist in den Winkeln
und Ecken unserer Köpfe und Herzen und unserer Leben
und dass es nicht genug ist
zu sagen: „Der Kampf geht weiter“

Und doch muss er weitergehen und es ist nicht genug
von deiner Güte und Liebe und Freiheit und Einsicht zu reden
wenn ich vergesse dass deine Einsicht und Güte
dich immer wieder auch zur Empörung geführt hat
und dass deine Liebe bis zuletzt immer wieder
auch die Liebe zur Revolution geblieben ist
und die Sehsucht nach ihr in Zeiten in denen ihre Tyrannen
und Reichsverweser und Verräter und Bürokraten
ihren Namen so schlecht gemacht haben
dass fast keiner sie kennen will

Diese Sehnsucht hat in dir gelebt
und hat dich lebendig erhalten
und die Augen dir offen gehalten auch für Verstreute
die sich immer noch sehnen nach ihr –
auch dann wenn sie irren
auf ihrer Suche und wenn ihre richtigen Herzen
ihnen nicht helfen konnten auf einen richtigen Weg

Es ist nicht möglich von deinem Leben und Tod zu sprechen
und zu schweigen von der Revolution die
– ungleich uns Menschen –
nicht tot ist für immer wenn man sie einmal totsagt
und in der etwas von dir leben wird wenn sie einmal
wieder auflebt – von dir aber auch von andern
die hier nicht trauern können um dich weil sie vor dir
sterben mussten (oder vielleicht nicht müssen hätten)
Auch von diesen Verlorenen haben dich manche geliebt
und du hast sie nie ganz verloren aus deinen Augen
und aus deinem Herzen –
auch dann nicht als sie sich verrannten
und sich verhärteten und begannen sich selbst zu verlernen
Auch die darf man nicht totschweigen
wenn man von dir spricht
auch wenn dein oder mein Weg ein anderer ist als ihr Irrweg:
Sonst wäre der Kreis derer die deine Liebe und Einsicht
umfasst hat zu eng – und dies hier wäre nur Trauer
von Gleichgesinnten um Gleichgesinnte; das wäre zu wenig
Denn der Kampf der dein Gesicht und dein Herz hatte
ist auch ein Kampf
um die Liebe zu vielen ohne Abgrenzungen und Grenzen
Sonst wäre er für dich und das Denken an dich zu klein.
Der Kampf geht weiter.

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