Ode an die Zeit von Thomas Kutzli

Wir denken: sie fließt.

oder ist sie Granit aus Tirol und schrotet uns allmählich klein,
zermahlt sich selbst und mischt sich uns unter?
Ist sie Scheinriesin und reicht
den Himmel am Horizont,
so wie sie zum Staubkorn gerät
uns vor Augen,
die Zeit?

Wie Latex tropft sie
wenn der Sammler am Amazonas die Rinde schneidet,
und wie Milch in Artemis Becher,
der vielbrüstigen:
Guttapercha,
Parakautschuk,
Gummi arabicum,
passt sich an dem Taucher wie Haut,
dem Flaschenhals und dem Rad,
hindert im Zentrum der Leidenschaft
Zeugung und Tod –

und kann sie beide gleich nicht besänftigen,
so läßt sie sie ihrer selbst sicher
an sich vorbeidefiliern,
unbewegt,
und doch marschiern sie
mitten hindurch,
nehmen von ihr eine Regung ein Timbre einen Klang,
so dass sie herrscht in ihren Subjekten,
die Zeit.

Ein Schwamm ist die Zeit
und noch jeder Verzweiflung Pfütze hat sie getrocknet,
und jeder Hoffnung.
Sie reinigt den Rücken der Schuldigen
wie den Busen der Braut.
Sie schweigt wo wir hadern,
sie nimmt das Unerwartete
ohne wie wir mit der Wimper zu zucken.
Sie genießt das Erwartete
neu.

Am Härtesten nagt sie.
Wer wäre geduldig wie sie:
ein Tropfen,
ein Nager,
ein erodierender Luftzug,
sie eifern ihr nach.

Ihre Bremsbacken schimmern wie Stahl,
eisern macht sie die Luft,
die Grashalme schneiden uns wund wenn sie zögert.
Im Tausendschwung schleudert sie
alle Trägen,
oder im Grillenflug durchs Jahrhundert,
und Dir
zieht sie ins Antlitz ihr Fazit.

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