Eisvogel von Uwe Kolbe

Eisvogel
für Jean-Yves Klein

Du kannst nicht sagen, ob er wirklich war,
ein kurzer Blitz am Rand der Wirklichkeit,
als läge Luft mit Luft im Widerstreit.
Dass du ihn sahst, macht den Moment sehr rar.

Das Wasser stand vollkommen unberührt,
die Gräser überm Ufer ungestört,
die helle Fischbrut schwärmte unversehrt,
nur du warst von dem Pfade abgeführt,

auf dem du kamst, der war dir nun verschlossen.
Du wusstest nicht, wieso, doch du wolltest hier,
hier bleiben, ihn erwarten, dich nicht regen,

voll Hoffnung und auch bang und auch verlegen,
weil er, der hier im Flug vorbeigeschossen,
dich band! das flüchtige, das schöne Tier.

aus: Lyrik-Taschenkalender, Hg. Michael Braun, 2017, Wunderhorn, S. 52

Ein Sonett bleibt, auch wenn in ihm das Gegenteil versucht wird, eine geschlossene Form. Daher entspricht die lyrische Form, die der „Eisvogel“ findet, perfekt der Situation, von der das Gedicht spricht: Jemand hat das seltene Tier gesehen; die Erfahrung ist so einmalig, berührend, dass der Rückzug verschlossen bleibt, weil der, der den „Blitz der Wirklichkeit“ gesehen hat, auf die Wiederholung, die zweite Erscheinung des Außerordentlichen wartet. […]
Uwe Kolbe, geb. 1957, hat ein lyrisches Werk von großer Formenvielfalt geschaffen, das von einer fundamentalen Neugier auf Offenes, Anderes geprägt ist, die seinen Formensprache vorantreibt und variiert. (Kommentar von Henning Ziebritzki, S. 53)

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